Gottlieb Duttweiler

(1888 - 1962)

 

Aufnahme in die Swiss Supply Chain Hall of Fame 

an der Benefizfala vom 28. Mai 2019

 

  

Gottlieb Duttweiler hat als Migros-Gründer die Versorgungskette im Schweizer Detailhandel wie kein Zweiter nachhaltig verändert und revolutioniert. Durch das Ausschalten des Zwischenhandels, die Kundennähe mittels Verkaufswagen oder ein neues Selbstbedienungs-konzept und durch selbst hergestellte Eigenmarken schuf er mit der Migros grosse Vorteile für die Schweizer Bevölkerung. Im Fokus hatte er schon damals das „Lean Management“ zugunsten eines optimalen Preis-Leistungsverhältnisses. Die Migros ist noch immer ein genossenschaftlich organisiertes Unternehmen und hat sich den Werten ihres Gründers verpflichtet. 

 

Rückblende ins Jahr 1925: Noch wirkt der Kriegsschock nach. Die schwankende Konjunktur macht den Leuten Angst um Arbeit und Lohn. Nein, das ist nicht die Zeit für grosse und neue Ideen. Oder doch? Da ist dieser Gottlieb Duttweiler, 37 Jahre alt, soeben zurück aus Brasilien und stellenlos. Ihm schwebt eine Verkaufsorganisation ohne Zwischenhandel vor: Eine direkte «Brücke vom Produzenten» zum Konsumenten. Die «Brücke» wurde dabei zum Symbol und Markenzeichen der Migros. Mit einem Startkapital von 100'000 Franken kaufte Duttweiler fünf Ford-T-Lastwagen und bestückte diese mit sechs Basisartikeln, die er massiv günstiger als die Konkurrenz anbot. Die Idee der Verkaufswagen hatte er aus Amerika. Am 25. August 1925 um 6 Uhr früh starteten die fünf Verkaufswagen in der Stadt Zürich. Es gab Reis, Zucker, Teigwaren, Kokosfett, Kaffee und Seife. Die Ware war durchschnittlich 30 Prozent billiger als im Quartier- oder Dorfladen - eben «mi-gros». Damals ahnte niemand, dass mit diesen rollenden Verkaufswagen eine Fahrt von zeitgeschichtlicher Bedeutung für die Schweiz begann.

 

Die Anfeindungen kamen von den leistungsschwachen, aber politisch gut vernetzten Konkurrenten. Duttweiler musste kämpfen, vor allem um die Versorgung seiner rasch wachsenden Handelskette, die bald auch stationäre Läden führte. Der Boykott der Markenartikel-Industrie zwang ihn, erste Industriebetriebe zu übernehmen. Eines seiner Erfolgsgeheimnisse war, dass er Güter des täglichen Bedarfs durch Ausschaltung des Zwischenhandels direkt zu den Verbrauchern brachte. Da viele Produzenten das Unternehmen boykottierten, wurde ein Teil der Waren selbst hergestellt. Wann immer er Zeit hatte, mischte sich Duttweiler unter seine Migros-Kunden und beobachtete deren Verhalten. Nicht zuletzt dank dieser Bodenhaftung hat er auch später keinen wichtigen Trend im Detailhandel verpasst. Ab 1948 führte der Migros-Gründer als Erster die Selbstbedienung ein. 

 

Heute ist die Migros die grösste Detailhändlerin der Schweiz, zählt zu den 500 umsatzstärksten Unternehmen weltweit und sichert sich den Titel der nachhaltigsten Detailhändlerin der Welt, wie ein renommiertes Rating zeigt. Der Einsatz für Natur und Gesellschaft ist denn auch durch Gottlieb Duttweiler in der DNA der Migros verankert: Im Bereich Logistik etwa setzt die Migros auf klimafreundliche Warentransporte und ist heute die Nummer eins im Schienengüterverkehr in der Schweiz. Die Detailhändlerin hat sich zudem zum Ziel gesetzt, 20 Prozent weniger Treibhausgase zwischen 2010 und 2020 auszustossen. Die Einsparung des Treibstoffverbrauchs trägt massgeblich zur Erreichung dieses Ziels bei. Im Weiteren setzt die Migros beim Warentransport auf robuste Mehrwegbehälter anstatt auf Einwegkartons. Damit spart sie jedes Jahr über 90'000 Tonnen Karton ein.

 

  

Laudatio  anlässlich der Aufnahme von Gottlieb Duttweiler

in die Swiss Supply Chain Hall of Fame am 28. Mai 2019

 

von Karl Lüönd, Publizist

vormals: Redaktionsleitung des BLICK, stv. Chefredakor; Chefredaktor des Züri Leu; Mitbegründer und während 17 Jahren deren Chefredaktor, zeitweise auch deren Verleger und VR-Präsident der Züri Woche

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Meine sehr verehrten Damen und Herren

 

Ich bin nicht hierher gekommen, um Ihnen Ihr Geschäft zu erklären. Aber wenn ich es richtig mitbekommen habe, hat Logistik viel zu tun mit Beweglichkeit. Wer beweglich bleiben will, muss nicht nur schnell, sondern auch unkonventionell denken.

 

Auf dieses Stichwort hin betritt Gottlieb Duttweiler, Kaufmann, verheiratet, kinderlos, die Bühne. Wir stehen im Jahre 1925. Er ist 37 Jahre alt. Die Konjunktur scheint sich gerade etwas zu erholen, die grosse Krise der frühen 1930er Jahre ist noch fern. Aber die Schweizer Arbeiterhaushalte müssen für Nahrungs- und Genussmittel beinahe 50 % ihres Einkommens ausgeben Tausende von Kleinbetrieben dominieren den Detailhandel. Feinverteilung und Zwischenhandel verteuern die Ware. Hohe Personalkosten und Verluste durch Warenverderbnis fressen trotz der hohen Preise die Margen weg.

 

Duttweiler hat schon zwei Pleiten hinter sich: erst als junger Rohwarenspekulant in Zürich, dann als Kaffeepflanzer in Brasilien. Er weiss genau, dass diese Migros, die im August 1925 das Licht des Marktes erblickt hat, seine letzte Chance ist. Bei seinen Abstürzen hat er auch gelernt, dass Geld nicht das höchste und letzte aller Ziele sein kann.

 

Aber wie will er jetzt das Kostenproblem lösen? Er schafft es mit Logistik, meine Damen und Herren! Schauen wir einmal genauer hin:

 

Duttweiler wendet kurzerhand den Verkehr zwischen Händler und Kunde um 180 Grad. Er lässt sechs Lastwagen mit Lebensmitteln ausschwärmen. Der Kunde kommt nicht mehr in den Laden, jetzt kommt das Geschäft zu den Kunden. Damit entfällt die Ladenmiete. Und die Personalkosten sinken dramatisch, denn der Chauffeur ist zugleich Verkäufer. Radikal reduziert Duttweiler auf diese Weise die beiden grössten Kostenblöcke.

 

Im Sortiment der Migros gibt es nur schnell drehende Artikel: Zucker, Teigwaren, Kaffee, Reis, Seife und Kokosfett.

 

Die Ware wird nicht mehr umständlich offen abgewogen, sondern in grösseren Portionen abgepackt. Die Gewichte sind ungerade, was gerade Preise ermöglicht und die Abfertigung  an der Kasse  beschleunigt. Duttweilers Kostenstruktur, die auf einer logistischen Revolution beruht, erlaubt ihm, Migros-Preise anzusetzen: mi-gros, das Mittel zwischen Detail- und Engros-Preis, bis zu 30 Prozent unter der Konkurrenz. Daher kommt ja der Name.

 

In der Tat: Logistik stand am Anfang des Migros, und sie war in den folgenden Jahrzehnten immer wieder ein Erfolgsfaktor in der Karriere des Mannes, der in der Schweiz des 20. Jahrhunderts wahrscheinlich mehr bewegt hat als jeder andere.

 

Als Kaufmann wie als Politiker ist Gottlieb Duttweiler vom Thema Logistik besessen. Schon 1934 sieht der visionäre Kaufmann den Weltkrieg kommen und verlangt vom Bund ein besseres Management der Pflichtvorräte: mehr Lagerraum für Speiseöl, Fett und andere Lebensmittel. Der Bund behandelt Duttweiler wie Luft. Er antwortet nicht, dafür erlässt er, inspiriert von einer Lobby aus Bauern, Gewerblern und Linken, im gleichen Jahr ein Filialeröffnungsverbot. Das ist zwar verfassungswidrig, kann aber durchgesetzt werden, dank den Vollmachtengesetzen. Dass damit zugleich auch die erfolgreichen Warenhäuser geschädigt werden können, entspricht dem antisemitischen Zeitgeist.

 

Doch was als Todesstoss für die Migros gedacht ist, wird zum Antrieb für deren Entwicklung zum Mischkonzern. Mit dem Filialverbot wird Duttweiler a) geradezu gezwungen, in andere, neue Branchen einzutreten. Schon 1935 gründet er den Hotelplan. Und b) wird Duttweiler Politiker. Er will einen solchen Machtmissbrauch in Zukunft zu verhindern und gründet den Landesring der Unabhängigen. Er zieht gleich mit einer Siebnerfraktion in den Nationalrat ein.

 

1938 reklamiert Duttweiler – nun schon als einflussreiche Persönlichkeit im Bundeshaus – bei der Bundesverwaltung, die Getreidevorräte des Landes seien zu gering und ausserdem unsicher gelagert, d.h. in leicht angreifbaren oberirdischen Silos. Er verlangt sichere Lager in Metalltanks, die er in den Schweizer Seen versenken will. Da wäre das Getreide druckfest und bombensicher gelagert und erst noch richtig gekühlt.

 

Um die Landesversorgung zu sichern, verlangt Duttweiler auch unabhängige Transportmittel: zuerst eine ganze Gruppe von Hochseeschiffen, dann eine Lastwagenkolonne, die Güter von den noch zugänglichen Meerhäfen in die Schweiz bringen sollen. Wieder lacht das offizielle Bern: Kein Bedarf! Da kauft Duttweiler die Lastwagen auf eigene Rechnung in Amerika und legt dafür  mehr als eine Million Franken aus. Die Lastwagen bleiben wegen des Kriegs ein Jahr lang in New York blockiert und werden schliesslich von der US-Army requiriert, gegen faire Entschädigung. Duttweiler verdient 400 000 Franken an einem Geschäft, das er so eigentlich gar nicht hat machen wollen.

 

Logistik zwecks Vorratshaltung war auch 1943 wieder Duttweilers Idee. Jetzt will er Schiffe kaufen. Der Plan entzweit ihn sogar mit seinen Parteifreunden vom Landesring und bringt ihm persönlich riesige Verluste ein. Es geht wieder um Schiffsraum, der inzwischen knapp geworden ist. Ein windiger Agent aus Genf fädelt den Kauf ein. Eine Zeitlang tut das Schiff noch seinen Dienst. Davon profitieren übrigens auch die Konkurrenten der Migros. Später bricht der Kahn vor Altersschwäche zusammen.

 

Doch zur gleichen Zeit zirkuliert unter Duttweilers Feinden im Bundeshaus ein Dossier, in dem die Behauptung enthalten ist, Duttweiler habe über diesen Agenten Kontakte zum Genfer Kommunistenführer Leon Nicole unterhalten und diesen auch finanziell unterstützt. Dies führt zu einem heftigen Hauskrach im Landesring, den Duttweiler für sich entscheidet. Zurück bleiben dauerhafte Verletzungen.

 

Schauen Sie, darin lag die Grösse von Gottlieb Duttweiler. Er besass Vorstellungskraft und verstand es, mit dem Geschäft einen höheren Zweck zu verbinden. Während des Krieges beobachtete er, wie die Leute freudlos und nach innen gewandt waren. Da dachte er schon an die Nachkriegszeit. Dann würden die Menschen doch wieder reisen und Freude erleben wollen; dazu müssten sie fremde Sprachen beherrschen. Duttweilers Antwort war die Gründung der Klubschule, die heute das grösste private Weiterbildungssystem der Schweiz ist. Es folgten die Clubhauskonzerte, die Parks im Grüene, der Buchclub Ex Libris und – als heute mit Abstand mächtigste private Kulturförderungsinstitution der Schweiz – das Kulturprozent. Der Handelspionier handelte nach dem Bibelwort: «Der Mensch lebt nicht vom Brot allein!»

 

Sein Leben lang wurde Gottlieb Duttweiler vom offiziellen Bern gering geschätzt und schäbig behandelt.  Die Antwort gab das Volk. Für den Andrang der Menschen zur Trauerfeier reichten die drei grössten Kirchen Zürichs nicht aus.

 

Der Landesring überlebte seinen Gründer um 37 Jahre, dann wurde er aufgelöst. Die Migros hingegen machte eine raketenhafte Karriere. Sie ist heute nicht nur als Handels-, Industrie- und Dienstleistungskonglomerat mit 28,5 Milliarden Franken Umsatz (2018) und 106 600 Mitarbeitenden das grösste Unternehmen der Schweiz und eine ihrer prägenden wirtschaftlichen und sozialen Kräfte. Sie ist auch weltweit ein einmaliges Phänomen: gegründet auf der Vision eines genialen Kaufmanns, der während des 2. Weltkriegs seine Firma an die Kunden verschenkte und als Genossenschaft mit gemeinnützigen Zielen aufstellte. Und sie ist, unter vielem anderem, ein Pionier und Schwergewicht in der Logistik-Szene der Schweiz geblieben.

 

Eigentlich wollte ich Ihnen nur zeigen, wie weit es dieser unglaubliche Gottlieb Duttweiler in den letzten 94 Jahren gebracht und wie er unsere Schweiz verändert und verbessert hat.

 

Ich hoffe, es hat Ihnen ein bisschen Spass gemacht, und ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit.